Börse Online-Interview mit Thomas Mayer: Ein Land muss in die geordnete Insolvenz geschickt werden können

Rettungspaket hilft kurzfristig / Langfristig wird das Vertrauen in die EZB und den Euro unterminiert / Umschuldung der griechischen Schulden kaum zu vermeiden / Griechenland könne nicht nur illiquide, sondern bankrott werden / Ähnliche Probleme in Portugal erwartet / Spanien und Irland sind dagegen in einer anderen Liga / Euroland brauche eine Institution für Lösung von Staatsschuldenkrisen / Euro nähere sich fundamental gerechtfertigtem Wert / Optimistisch für Aktienmärkte, Emerging Market-Bonds und Rohstoffe

Kurzfristig dürfte es gelingen, die Märkte mit dem 750-Milliarden-Programm für angeschlagene Euro-Länder zu beeindrucken, urteilt Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, über das EU-Rettungspaket in einem Interview mit dem Anlegermagazin ‚Börse Online‘ (Ausgabe 20/2010, EVT 12. Mai). Allerdings habe die Europäische Zentralbank (EZB) dabei ihre Unschuld verloren, indem sie sich zum Gehilfen der Fiskalpolitik machen ließ. „Langfristig wird dies das Vertrauen in die EZB und den Euro unterminieren“, vermutet Mayer.

Die Gefahr, dass Euroland auf dem Weg in die Transferunion sei, sieht der Ökonom als gegeben: „Es ist völlig unklar, ob man das Geld, das nach Griechenland fließt, wiedersehen wird. Bekommt man es nicht wieder zurück, ist es natürlich ein Fiskaltransfer.“ Helfe man Griechenland aber nicht, wäre eine neuerliche Banken- und Finanzkrise die Folge. „Bei einer solchen Krise im Euro-Raum müsste die EZB als ‚lender of last resort‘ einspringen.“ Die Alternative wäre also Geldschöpfung, was ebenfalls gegen den Maastricht-Vertrag verstieße.

Mayer hält es für fraglich, ob sich eine Umschuldung der griechischen Schulden vermeiden lässt. Denn die griechische Wirtschaft sei strukturell sehr schwach und weise eine Export-quote von weniger als 20 Prozent auf. „Exporte sind aber bei einem Anpassungsprogramm, wie es Griechenland auferlegt wurde, enorm wichtig.“ Man müsse damit rechnen, dass das Land nicht nur illiquide, sondern sogar bankrott werde.

Zur Gefahr von Domino-Effekten in der Euro-Zone meint der Ökonom: „Portugal steht zwar fundamental betrachtet besser da als Griechenland, hat aber auch große Probleme.“ Es sei nicht ganz unberechtigt, dass sich die Märkte fragen, ob das Land auf Dauer mit dieser hohen Staatsverschuldung leben könne. Dagegen sieht er Spanien und Irland in einer anderen Liga spielen. Die Iren hätten mehrfach bewiesen, dass sie sich aus eigener Kraft aus Krisen befreien könnten; und auch Spanien habe sein Schicksal selbst in der Hand.

Euroland brauche eine Institution, die eine Staatsschuldenkrise ohne Vertragsverletzung lösen könne, fordert Mayer: „Die muss ein Land auch in eine geordnete Insolvenz schicken können.“ Ein solcher Fiskalagent oder Europäischer Währungsfonds könne „moral hazard“ verhindern, dass also Schuldnerländer sich darauf verlassen, von den Euro-Partnern gerettet zu werden.

Es sei nicht besonders schlau gewesen, alles in der Schwebe zu lassen, den IWF reinzuholen, zu sagen, eine Umschuldung für Griechenland stehe nicht auf der Agenda, eine staatliche Insovenz könne nicht, dürfe nicht passieren. „Das klingt alles so ein bisschen wie das Pfeifen im Walde“, urteilt Mayer im ‚Börse Online‘-Interview. „Da machen sich die Märkte natürlich Sorgen.“

Der Euro, der durch die Schuldenkrise belastet wird, war nach Meinung Mayers lange zu stark, was es der Euro-Zone erschwert hätte, aus der Rezession zu kommen. Derzeit nähere er sich dem fundamental gerechtferigten Wert, was zu begrüßen sei. „Kritisch wird es, wenn wir die aktuellen Probleme nicht in den Griff bekommen.“

Für die Aktienmärkte ist der Chefvolkswirt zuversichtlich: „Das globale Umfeld ist gut, die Weltwirtschaft brummt, die Notenbankzinsen bleiben niedrig, die Liquidität ist reichlich.“ Gut gefallen ihm Emerging Market-Bonds, bei denen neben teilweise interessanten Zinsen auch Währungsgewinne winken. Rohstoffe hält er ebenfalls für attraktiv; und Gold erlebe ein Comeback als internationale Reservewährung. „Zentralbanken und größere Investoren halten wieder mehr davon – als Alternative zu Dollar, Euro und Yen.“

Pressemitteilung von Börse Online – G+J Wirtschaftsmedien, Ressort Geld

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