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30.10.2008

Verbaucherzentrale NRW: Fallsammlung zur Falschberatung am Bankschalter

Nach nur zehn Tagen ihrer "Fallsammlung zur Falschberatung" im Internet zieht die Verbraucherzentrale NRW hieraus eine ernüchternde Bilanz: Zur Finanzmarktkrise gehört auch eine Vertrauenskrise der Privatanleger.

300 Lehman-Anleger, die jetzt voraussichtlich rund 5,5 Millionen Euro in den Wind schreiben müssen - gleichwohl sie ihre Finanzberater nach einer Empfehlung für eine sichere Anlageform gefragt hatten.

Zahlreiche Berichte über "Drückermethoden" am Bankschalter, um auch in Wertpapiergeschäften unerfahrene Kunden zur Investition in Risikopapiere zu bewegen.

"Die Opfer der Lehman-Pleite, die sich bei uns gemeldet haben, sind vermutlich nur die Spitze des Eisbergs struktureller Fehlentwicklungen im Privatkundengeschäft der deutschen Banken und Sparkassen", erklärt NRW-Verbraucherzentralenvorstand Klaus Müller: "'Misstraue deiner Bank' ist leider erste Kundenpflicht."

Die Branche im Nadelstreifenanzug hat viel Geld und Vertrauen verzockt:

Falsche Risikobewertungen durch Banken und Rating-Agenturen, interne Verkaufsvorgaben und Anreizsysteme, die Bankmitarbeiter zum Verkauf von vielfach völlig unsinnigen Produkten drängen sowie eine Geschäftspolitik, die in Kunden allein Freiwild für die Jagd nach hohen Provisionen sieht - dies sieht die Verbraucherzentrale NRW als Ursachen für die Krise an den Finanzmärkten wie am Bankschalter.

"Angesichts harter Verkaufsvorgaben machen zahlreiche Berater nach den vorliegenden Fällen vor allem die Produkte schmackhaft, mit denen die Bank viel Geld verdienen kann - wie etwa Aktienfonds, Zertifikate oder auch teure Produktpakete zur Immobilienfinanzierung", berichtet NRW-Verbraucherzentralenvorstand Klaus Müller aus dem Bankenalltag:

"Ohne Rücksicht auf den tatsächlichen Bedarf der Kunden wurde viel zu oft mit aggressiven Verkaufsmethoden das an Mann und Frau gebracht, was der Bank oder Sparkasse die höchsten Erträge sichert.

Im Anlagegeschäft wurden mehrfach Risiken gezielt verharmlost oder gleich ganz ausgeklammert und Risikopapiere auf eine Stufe mit Sparanlagen gestellt.

Und in einigen Beratungsprotokollen wurde sogar notiert, dass der Kunde von sich aus nach dem Risikopapier gefragt habe", stellt Müller die wichtigsten Ergebnisse aus den Kundenberichten im Schadenfall-Forum vor.

Dass es sich hierbei nicht nur um Einzelfälle handelt, zeigen Meldungen einiger Großsparkassen, dass Lehman-Zertifikate an Tausende Kunden verkauft worden seien.

Spitzenreiter Citibank

Spitzenreiter in der Fallsammlung der Verbraucherschützer ist die Citibank - gefolgt von der Dresdner Bank. "Die Citibank hat ihren Kunden nach Einschätzung der Verbraucherzentrale NRW besonders übel mitgespielt.

Hier hat - so die zentralen Ergebnisse der Fallsammlung - scheinbar ein System existiert, mit dem gezielt ältere Kunden aus sicheren Anlagen in die Risiko-Zertifikate gelockt wurden.

Obwohl im Beratungsprotokoll das hohe Sicherheitsbedürfnis der Kunden festgehalten ist, hat man sie nach ihren Schilderungen zum Zertifikate-Kauf überredet und dann im Protokoll dokumentiert, dass dies auf ausdrücklichen Kundenwunsch geschehen sei", schildert Klaus Müller die Berichte der unzufriedenen Bankkunden.

Die Verbraucherzentrale NRW will dieses Vorgehen nun bestraft sehen. "Wir werten derzeit die uns vorliegenden Fälle systematisch aus und prüfen eine Strafanzeige gegen die Citibank wegen Betrugsverdacht", kündigt der Verbraucherzentralenvorstand an.

Außerdem wollen die Verbraucherschützer die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) auffordern, gegen diese Praktiken vorzugehen.

Umkehr der Beweislast

Um Fehlentwicklungen künftig zu unterbinden und das Verhältnis zwischen Kreditinstituten und Privatkunden wieder auf eine faire Basis zu stellen, sieht die Verbraucherzentrale NRW konkreten rechtlichen und politischen Handlungsbedarf.

Damit Bankkunden wieder Vertrauen fassen könnten, müsse etwa die Beweislast bei einer Falschberatung umgekehrt und die Verjährungsfrist für Kundenansprüche deutlich verlängert werden.

"Wir brauchen eine gesetzliche Regelung, dass Berater und Vermittler künftig die Richtigkeit ihrer Finanzberatung zu beweisen haben, anstatt wie bisher dem Kunden den schwarzen Peter in Form der Beweislast zuzuschieben, wenn er Schadenersatzansprüche wegen Falschberatung durchsetzen will", fordert Klaus Müller verbraucherfreundliche Rahmenbedingungen.

Außerdem wollen die Düsseldorfer Verbraucherschützer die derzeitige Verjährungsfrist von drei Jahren für die Durchsetzung von solchen Schadenersatzansprüchen auf zehn Jahre verlängert wissen.

Größere Transparenz

Außerdem: Mehr Transparenz bei Finanzdienstleistungsprodukten ist nach Ansicht der Verbraucherzentrale NRW vonnöten.

"Eine Ampelkennzeichnung auf Prospekten soll Anlegern künftig auf einfache und standardisierte Weise signalisieren, wie viel Risiko im jeweils offerierten Produkt steckt.

Eine grüne Ampel auf dem Sparbuch würde es eben als sichere Anlageform ausweisen. Und von Offerten mit einer roten Ampel sollten Interessenten einer sicheren Anlageform die Finger lassen", fordert Klaus Müller.

Verbesserte Aufsicht

Als weiteren Baustein, um den strukturellen Fehlentwicklungen zu begegnen, will die Verbraucherzentrale NRW Verbesserungen bei der Aufsicht durchsetzen:

"Wir haben derzeit eine Aufsicht, die vor allem Banken vor sich selbst schützt und zu wenig die Kunden vor der Bank. Wir brauchen einen anbieterunabhängigen Wächter, der den Markt beobachtet und qualifiziert bei der Emission risikoreicher Produkte warnt", entwirft Klaus Müller erste Ansätze für das Modell.

Unabhängige Information und Beratung

Nicht zuletzt: Der bedarfsgerechte Ausbau anbieter- und produktunabhängiger Beratung und Information muss nach Ansicht der Verbraucherzentrale NRW schnell vorangebracht werden.

Derzeit ist auf 400.000 Bürger ein Finanzdienstleistungsberater der Verbraucherverbände im Einsatz. "Auch der Ansturm auf die letzten Freitag unter 0800-66 48 588 gestartete Telefonhotline der Verbraucherzentralen zur Finanzkrise ist enorm:

Mehr als 65.000 Anrufer in den ersten drei Tagen sollten für die Politik ein deutliches Klingelzeichen sein, dass hier ein riesiger Bedarf besteht", hofft der NRW-Verbraucherzentralenvorstand auf eine kurze Leitung bei den Entscheidungsträgern, um rasch auf den Beratungsbedarf von Bürgerinnen und Bürgern reagieren zu können.

In unserem Finanzmarktkrise-Spezial finden Sie weitere Informationen und einen Überblick über unsere Beratungsangebote.

Die bundesweite Telefonhotline der Verbraucherzentralen zur Finanzkrise wird gefördert vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz

Pressemitteilung der VZ NRW

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